Equal Care Day - Wege in eine fürsorgliche Demokratie

Gesundheitswesen, Krankenhaus- und Heimwesen, Katastrophenschutz, Rettungsdienst, Arzneimittel- und Lebensmittelwesen, Infektionsschutzrecht, Sozialrecht (z.B. Krankenversicherung, Pflegeversicherung) einschl. Sozialhilfe und private Versorgung

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Equal Care Day - Wege in eine fürsorgliche Demokratie

Beitrag von WernerSchell » 27.05.2020, 06:25

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Wege in eine fürsorgliche Demokratie


Der Equal Care Day ist eine Initiative, die auf mangelnde Wertschätzung und unfaire Verteilung von Care-Arbeit aufmerksam macht. Als gesellschaftliche Bewegung möchte sie Aspekte, Akteur*innen und Anliegen in ihrer Vielfalt zusammenbringen, um gemeinsam gehört zu werden. Ihr Ziel ist es, die Sorgearbeit aus der Nische des unsichtbaren Engagements herauszuholen, um Politik und Wirtschaft dafür zu gewinnen, die unterschiedlichen Bereiche von Care-Arbeit ernst zu nehmen und neu zu denken. 2020 fanden bundesweit in über 20 Städten Aktionen und Veranstaltungen unter dem Dach des Equal Care Day statt. Im Zentrum stand eine zweitägige Konferenz in Bonn, bei der die Care-Situation in Deutschland diskutiert wurde, um Forderungen und Lösungsansätze für das Manifest zu erarbeiten.
Quelle: https://equalcareday.de/


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Als am 29. Februar 2020 der bundesweite Equal Care Day und die zentrale ECD-Konferenz in Bonn stattfanden, in deren Rahmen die Grundlage für dieses Manifests entstand, war kaum jemandem klar, dass wenige Tage später die Coronavirus-Pandemie mit voller Wucht die Welt und auch Deutschland treffen würde: Ihre Folgen machen deutlicher als je zuvor, wie systemrelevant Care-Arbeit* ist.

Das EQUAL CARE Manifest

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Wir alle sind in unserem Lebensverlauf auf die fürsorgliche Zuwendung und Versorgung anderer angewiesen: Das gilt für Neugeborene ebenso wie für Kinder im Vor- und Grundschulalter, aber auch als junge Erwachsene, als Berufstätige, bei Krankheit oder Behinderung und schließlich als ältere Menschen profitieren wir im Alltag immer wieder von der Care-Arbeit anderer; Gesundheit, Wohlbefinden, Lebensqualität und gesellschaftliches Miteinander hängen davon ab.

Diese Care-Arbeiten und die Mental Load werden vor allem von Frauen und Mädchen getragen – unbezahlt oder unterbezahlt. Dadurch bleibt ihnen weniger, manchmal gar keine Zeit für Erwerbsarbeit, zur Aus- und Fortbildung, und sie verfügen deshalb über weniger oder kein eigenes Einkommen. Weltweit übernehmen Frauen täglich mehr als 12 Milliarden Stunden unbezahlte Sorgearbeit (Oxfam-Studie 2020). Würden diese auch nur mit dem Mindestlohn bezahlt, wäre diese Summe 24 Mal größer als der Umsatz der Tech-Riesen Apple, Google und Facebook zusammen. Und das Bruttoinlandsprodukt Deutschlands würde um circa ein Drittel höher ausfallen, als in den bisherigen Gesamtrechnungen ausgewiesen wird (Wirtschaft und Statistik 2/2016). Aber private Care-Arbeit spielt für diese ökonomische Kennziffer, die als ‘Wohlstandsmaß’ einer Nation gilt, keine Rolle, dabei ist sie das Fundament jeglichen Wirtschaftens. Trotzdem können Unternehmen ganz selbstverständlich darauf zurückgreifen, ohne sich an den Kosten zu beteiligen. Hier zeigt sich, wie eng Care- und Klima-Krise verknüpft sind: in beiden Fällen werden Ressourcen zur individuellen Gewinnmaximierung ausgebeutet, die Folgen aber trägt die Gesellschaft.

Ökonomen und Wirtschaftsweise thematisieren es nur selten: Der Care-Sektor ist der größte Wirtschaftszweig, und auch hier gilt: die bezahlte Pflege- und Fürsorgearbeit wird weltweit zu zwei Dritteln von Frauen geleistet. In Deutschland ist der Frauenanteil sogar noch höher: 2019 lag er in den medizinischen Berufen, im Rettungsdienst und in der Pflege bei 84,2%, in der Kinderbetreuung sogar bei 89,6%. Hinzu kommt, dass die Arbeitsbedingungen und Löhne in den weiblich konnotierten Sorgeberufen mitnichten dem hohen Anforderungsprofil und den vielfältigen Versorgungsleistungen entsprechen, die dort täglich erbracht werden.

Wie kann es sein, dass das reiche Deutschland im internationalen Vergleich eine extrem schlechte Personalbemessung bei den Pflegefachkräften und Hebammen aufweist (verdi 2017) und weit hinter Japan, Norwegen, den Niederlanden oder Belgien liegt? Es ist eine überhebliche Strategie, die nationale Care-Krise mit Gesundheitsfachkräften und unterbezahlten Hausangestellten aus anderen Ländern, oftmals mit ungeklärtem Aufenthaltsstatus, in den Griff bekommen zu wollen. Die globalen Sorgeketten („Global Care Chains“) haben bereits in der Vergangenheit dazu geführt, dass Gesundheits- und Pflegekräfte abgeworben wurden, die auch in ihren Herkunftsländern dringend benötigt werden („Care-Drain“) oder dass Betreuungskräfte in der sogenannten “24-Stunden-Indoor-Pflege” zum Einsatz kommen, die für diese pflegerischen Tätigkeiten völlig unzureichend qualifiziert sind. Die Folgen sind auch für die hilfe- und pflegebedürftigen Menschen in Deutschland hochproblematisch, was in diesen Tagen deutlicher hervortritt als zuvor: Viele Haushaltsarbeiter*innen kehren wegen der Coronavirus-Pandemie zurück in ihre Herkunftsländer, und es ist derzeit völlig offen, wer die große Zahl an pflegebedürftigen Menschen hierzulande in ihren Privathaushalten weiter versorgen wird.
Obwohl Frauen in Deutschland durchschnittlich eine Stunde pro Tag länger arbeiten als Männer (unbezahlt und bezahlt), gibt es einen erheblichen Gender Pay Gap von aktuell 21% (weltweit 23%). In der ‘Rush Hour’ des Lebens, in der wichtige Entscheidungen wie Partnerschaft, Beruf und Familiengründung getroffen werden, übernehmen Frauen mehr als das Doppelte an gesellschaftlich notwendiger, unbezahlter Care-Arbeit im Vergleich zu Männern: der Gender Care Gap ist im Alter von 34 Jahren mit 110,6% besonders hoch (Klünder 2017). Mütter werden dabei gerne mit dem Vorwurf konfrontiert, sie hätten eine “unglückliche Lebensplanung” gewählt, weil sie sich für Kinder entschieden haben. Auch nach dem beruflichen Wiedereinstieg bleiben sie weiter für die Sorgearbeit zuständig, oft zusätzlich für pflegebedürftige Angehörige, und müssen sich mit Einkommenseinbußen abfinden, die mit einem „unterbrechungsbedingten Humankapitalverlust“ (Galler, 1991) begründet werden. Diese Ungerechtigkeit verstärkt sich in Zeiten von geschlossenen Kitas und Schulen sowie steigenden Krankenzahlen, was zu einer noch größeren Belastung führt. Die Tatsache, dass in den ersten Reaktionen auf die Coronavirus-Pandemie die Bedürfnisse von Kindern völlig übersehen wurden, der Fokus allein auf Gesundheitsfragen und Wirtschaftsinteressen lag, zeigt, dass von Eltern, und vor allem von Müttern, wieder und weiterhin erwartet wird, die Utopie der Vereinbarkeit privat zu lösen.

Am deutlichsten wird die Schlechterstellung von Frauen durch den Gender Care Gap schließlich beim Blick auf die Rentenlücke. Bis zu 75% der heute 35- bis 50-jährigen Frauen werden eine gesetzliche Rente beziehen, die unter dem jetzigen Hartz-IV-Niveau liegt (Boll 2016). Die ungleiche Verteilung und systematische Abwertung von Care-Arbeit schafft folglich eine Ungleichheit in Einkommen, Vermögen, Zeit und Einfluss zwischen Männern und Frauen, und sie vertieft die bestehende globale Ungleichheit zwischen Arm und Reich: Männer besitzen weltweit 50% mehr Vermögen als Frauen. Der wirtschaftlichen, sozialen und politischen Benachteiligung von Frauen wiederum steht der Gender Lifetime Gap gegenüber: Männer leben im Durchschnitt fünf Jahre kürzer als Frauen, was auch darin begründet ist, dass (Self-)Care nicht Teil des hegemonialen Männlichkeitsbildes ist. Aber an dieser Stelle geht es nicht um eine Schuldzuweisung, auch nicht um ein Aufrechnen der Vorteile und Privilegien einerseits, der Opfer und Benachteiligungen andererseits. Vielmehr geht um ein gleichberechtigtes Miteinander in gelebten familialen und anderen Verantwortungsgemeinschaften in Deutschland und weltweit; es geht um eine faire Verteilung von Care-Arbeit unabhängig von Geschlecht, Einkommen und Herkunft, um Augenhöhe und Respekt!
Wir laden alle Menschen ein, die beruflich, im Privaten oder ehrenamtlich Sorgeverantwortung übernehmen, gemeinsam für einen grundlegenden System- und Wertewandel zu kämpfen und sich mit diesem Ziel zusammen zu schließen. Wir fordern all diejenigen auf, die zur Zeit deutlich spüren, wie sehr sie persönlich von der Sorgearbeit anderer profitieren, Care nicht länger finanziell und ideell klein zu reden, sondern sich solidarisch zu zeigen, indem sie den überfälligen Kampf für mehr Sorgegerechtigkeit auch über die Coronavirus-Pandemie hinaus unterstützen. Care-Arbeit ist nicht nur systemrelevant, sie ist das Fundament unseres Systems!
Die aktuelle Situation im Frühjahr 2020 hat zu einem erzwungenen Innehalten geführt, das bisherige System ist außer Kraft gesetzt. Wenn nun über Lockerungsmaßnahmen und Förderprogramme nachgedacht wird, um die Auswirkungen der Pandemie auf die einzelnen gesellschaftlichen Bereiche abzumildern, muss die Systemrelevanz der Care-Arbeit die Richtlinie sein. Es kann nicht darum gehen, nach der Pandemie ein System wiederherzustellen, das den aktuellen Herausforderungen nur sehr bedingt gewachsen ist und das un- sowie unterbezahlte Care-Arbeit nicht ausreichend anerkennt.
Wir rufen deshalb Entscheidungsträger*innen in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik dazu auf, uns in diesem Anliegen zu unterstützen und sich ihrerseits für eine faire Verteilung von Sorgearbeit, Einkommen und Vermögen und entsprechende Rahmenbedingungen einzusetzen. Wir fordern insbesondere von der Bundesregierung, die bestehenden Gesetze und Vereinbarungen endlich umzusetzen und sich weltweit für die ideelle und finanzielle Anerkennung und eine faire Verteilung von Sorgearbeit stark zu machen. Care- und Klimakrise sowie die aktuellen Erfahrungen der Coronavirus-Pandemie müssen Anlass sein, das heutige Wirtschaftsmodell gründlich zu überdenken und nachhaltig zu verändern!

.... (weiter lesen unter) > https://equalcareday.de/manifest/
Pro Pflege - Selbsthilfenetzwerk (Neuss)
https://www.pro-pflege-selbsthilfenetzwerk.de/
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WernerSchell
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EQUAL CARE Manifest fordert faire Verteilung von Sorgearbeit, Einkommen und Vermögen sowie gute Rahmenbedingungen

Beitrag von WernerSchell » 27.05.2020, 06:29

PRESSEMELDUNG
Deutscher Pflegerat e.V. (DPR)
Bundesarbeitsgemeinschaft Pflege- und Hebammenwesen:
Berlin (26. Mai 2020, Nr. 18/2020)


Deutscher Pflegerat unterzeichnet EQUAL CARE Manifest
Manifest fordert faire Verteilung von Sorgearbeit, Einkommen und Vermögen sowie gute Rahmenbedingungen


Der Deutsche Pflegerat e.V. (DPR) hat das „EQUAL CARE Manifest“ unterzeichnet und unterstützt damit dessen Forderungen. Hierzu betont DPR-Präsident Franz Wagner:

„Wir alle sind in unserem Leben auf die fürsorgliche Zuwendung und Versorgung anderer angewiesen. Immer wieder profitieren wir und auch viele Unternehmen von der bezahlten wie auch unbezahlten Care Arbeit unserer Eltern oder anderer Menschen. Bezahlte Pflege- und Fürsorgearbeit wurde 2019 in Deutschland in den medizinischen Berufen, im Rettungsdienst und in der Pflege mit 84,2 Prozent und in der Kinderbetreuung mit 89,6 Prozent von Frauen geleistet. Und dies unter Arbeitsbedingungen und mit Löhnen, die nicht den zu erbringenden hohen Leistungsanforderungen entsprechen.

Das EQUAL CARE Manifest nimmt dies in den Blick und fordert eine faire Verteilung von Sorgearbeit, Einkommen und Vermögen sowie die Setzung und Einhaltung von guten Rahmenbedingungen der Arbeit.

Benötigt wird mehr Anerkennung und Wertschätzung. Die Care-Berufe brauchen eine Neubewertung und eine finanzielle Aufwertung. Bestehende Gesetze und Leitlinien auf Landes- und Bundesebene mit Blick auf die Care-Arbeit müssen konsequenter durchgesetzt werden. Gefordert ist eine gleichberechtigte Arbeitsteilung in Familien und Verantwortungsgemeinschaften durch alternative Erwerbsmodelle. Unternehmen müssen Care-Verantwortung übernehmen. Professionelle Unterstützungsangebote müssen ausgebaut werden. Wir brauchen eine Abkehr vom Primat der informellen Pflege.

Erforderlich sind bessere Arbeitsbedingungen in allen Care-Berufen. Hierzu gehören zum Beispiel eine verlässliche Personalbemessung und mehr Personal, zur Senkung der Arbeitsverdichtung. Care-Arbeit darf nicht unter Ökonomisierungsdruck stehen.

Die Bundesregierung muss sich für die ideelle und finanzielle Anerkennung und eine faire Verteilung von Sorgearbeit stark machen. Care- und Klimakrise sowie die aktuellen Erfahrungen der Coronavirus-Pandemie müssen Anlass sein, das heutige Wirtschaftsmodell gründlich zu überdenken und nachhaltig zu verändern.“

„EQUAL CARE Manifest“ - zur Website kommen Sie hier. > https://equalcareday.de/

Ansprechpartner:
Dr. h.c. Franz Wagner
Präsident des Deutschen Pflegerats

Deutscher Pflegerat e.V. (DPR)
Bundesarbeitsgemeinschaft Pflege- und Hebammenwesen
Alt-Moabit 91, 10559 Berlin
Telefon: (0 30) 398 77 303
Telefax: (0 30) 398 77 304
E-Mail: presse@deutscher-pflegerat.de
Internet: www.deutscher-pflegerat.de

Zum Deutschen Pflegerat e.V. (DPR):
Der Deutsche Pflegerat e.V. wurde 1998 gegründet, um die Positionen der Pflegeorganisationen einheitlich darzustellen und deren politische Arbeit zu koordinieren. Darüber hinaus fördert der Zusammenschluss aus 16 Verbänden die berufliche Selbstverwaltung. Als Bundesarbeitsgemeinschaft des Pflege- und Hebammenwesens und Partner der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen vertritt der Deutsche Pflegerat heute die insgesamt 1,2 Millionen Beschäftigten der Pflege. Über die berufliche Interessensvertretung hinaus ist der Einsatz für eine nachhaltige, qualitätsorientierte Versorgung der Bevölkerung oberstes Anliegen des Deutschen Pflegerats.
Präsident des Deutschen Pflegerats ist Dr. h.c. Franz Wagner. Vize-Präsidentinnen sind Irene Maier und Christine Vogler.

Mitgliedsverbände:
Arbeitsgemeinschaft christlicher Schwesternverbände und Pflegeorganisationen e.V. (ADS); AnbieterVerband qualitätsorientierter Gesundheitspflegeeinrichtungen e.V. (AVG); Bundesverband Lehrende Gesundheits- und Sozialberufe e.V. (BLGS); Bundesverband Geriatrie e.V. (BVG); Bundesverband Pflegemanagement e.V.; Deutscher Hebammenverband e.V. (DHV); Berufsverband Kinderkrankenpflege Deutschland e.V. (BeKD); Bundesfachvereinigung Leitender Krankenpflegepersonen der Psychiatrie e.V. (BFLK); Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe e.V. (DBfK); Deutsche Gesellschaft für Endoskopiefachberufe e.V. (DEGEA); Deutsche Gesellschaft für Fachkrankenpflege und Funktionsdienste e.V. (DGF); Deutscher Pflegeverband e.V. (DPV); Katholischer Pflegeverband e.V.; Verband der Schwesternschaften vom Deutschen Roten Kreuz e.V. (VdS); Verband für Anthroposophische Pflege e.V. (VfAP) und Verband der Pflegedirektorinnen und Pflegedirektoren der Universitätsklinika e.V. Deutschland (VPU).
Pro Pflege - Selbsthilfenetzwerk (Neuss)
https://www.pro-pflege-selbsthilfenetzwerk.de/
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