Pflegefehler / Missstände in einem Altenheim ....

Pflegespezifische Themen; z.B. Delegation, Pflegedokumentation, Pflegefehler und Haftung, Berufsrecht der Pflegeberufe

Moderator: WernerSchell

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Razzia in Altenheim

Beitrag von Service » 21.07.2010, 19:38

Der WDR, Lokalzeit Düsseldorf, berichtete am 21.07.2010, 19.30 - 20.00 Uhr, u.a. erneut über die Pflegemängel in Caritaseinrichtungen in Mönchengladbach:

Razzia in Altenheim
Polizei und Staatsanwaltschaft in Mönchengladbach haben in einem Seniorenheim eine Razzia durchgeführt und zahlreiche Krankenakten beschlagnahmt. Zuvor waren mehrere Anzeigen gegen die Leitung des Caritas-Hauses im Stadtteil Giesenkirchen eingegangen. Mindestens ein Bewohner soll aufgrund fehlender Flüssigkeitsaufnahme ausgetrocknet und an den Folgen verstorben sein, so die Vorwürfe. Ein Hausarzt hatte zuletzt kritisiert, das wunde Bein einer Patientin sei in dem Heim nicht ordnungsgemäß versorgt worden. Die Polizei ermittelt nun gegen die Führung des Caritasverbandes.
Quelle: http://www.wdr.de/studio/duesseldorf/na ... ex.html#r4

Der Bericht vom 21.07.2010 - mit dem Studiogast Werner Schell - Vorstand von Pro Pflege - Selbsthilfenetzwerk - ist auch für voraussichtlich 7 Tage als Video abrufbar:
http://www.wdr.de/mediathek/html/region ... eldorf.xml
Werner Schell informierte in der Lifesendung über die am 21.07.2010 durchgeführte Angehörigen- und Pflegekräfteversammlung im Giesenkirchener Pflegeheim.

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Altenheim-Skandal: Polizei sucht Zeugen

Beitrag von Presse » 21.07.2010, 19:43

Mönchengladbach
Altenheim-Skandal: Polizei sucht Zeugen
VON GABI PETERS - zuletzt aktualisiert: 21.07.2010 - 17:56 Mönchengladbach (RP) Nach den Vorfällen in den Caritas-Altenheimen Giesenkirchen und Holt ermitteln Staatsanwaltschaft und Kriminalpolizei wegen möglicher fahrlässiger Tötung. Insgesamt liegen drei Anzeigen von Angehörigen wegen schwerwiegenden Pflegefehlern vor. Ein ehemaliger Bewohner ist mittlerweile gestorben.
.... (mehr)
http://www.rp-online.de/niederrheinsued ... 84550.html
++++
Hierzu passend die Pressemitteilung der Polizei in Mönchengladbach vom 21.07.2010:

Durchsuchungen in Altenpflegeheimen - Polizei sucht Zeugen
Staatsanwaltschaft und Kriminalpolizei Mönchengladbach ermitteln wegen möglicher fahrlässiger Tötung

Mönchengladbach - 21.07.2010 - 15:30 - In der vergangenen Woche erstattete die Tochter eines 85-Jährigen Gladbachers bei der Polizei Anzeige. Sie gab an, dass ihr Vater verstorben sei, nachdem er übergangsweise für eine Woche in das Pflegehotel Hehnerholt untergebracht wurde. Grund hierfür seien Pflegefehler gewesen, insbesondere wäre der an Altersdemenz leidende Senior so stark dehydriert gewesen, dass eine sofortige Einlieferung in ein Krankenhaus erforderlich gewesen wäre. Dort ist er dann verstorben.

Staatsanwaltschaft und Polizei haben ein Verfahren eingeleitet. Eine Obduktion des Verstorbenen ergab inzwischen, dass aufgrund der festgestellten Todesursache noch weitere Ermittlungen erforderlich sind.

Darüber hinaus übernahm die Ermittlungskommission einen zweiten Fall, der bereits Anfang Juni zur Anzeige gebracht wurde. Auch in diesem Fall wurden dem Heim Versäumnisse in der Pflege vorgeworfen. Außerdem geriet am Wochenende eine Patientin des Pflegeheimes in Giesenkirchen in einen lebensbedrohlichen Zustand, nachdem anscheinend eine Verletzung der unteren Extremitäten nicht ordnungsgemäß versorgt worden war.

Die Staatsanwaltschaft beantragte aufgrund der Vorwürfe entsprechende Durchsuchungsbeschlüsse, um Pflege- und Krankenakten sicherzustellen. Die Auswertung der Akten wird einige Zeit in Anspruch nehmen.

Auch der Träger der Pflegeheime, der seit einigen Wochen in der öffentlichen Kritik steht, hatte die Staatsanwaltschaft gebeten, die in der Presse erhobenen Vorwürfe auf eine strafrechtliche Relevanz zu überprüfen.

Den Ermittlern ist bewusst, dass sich durch die gestrige Durchsuchungsaktion nur eine Momentaufnahme der derzeitigen Situation in den betreffenden Heimen erstellen lässt. Sie sind aber daran interessiert, dass sich Zeugen melden, die zu den Zuständen in der Vergangenheit Angaben machen können. Neben den Aussagen von Bewohnern und Angehörigen setzt die Ermittlungskommission insbesondere auf die Mithilfe von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, damit sie sich ein Gesamtbild über die Einrichtungen machen kann. Auch ehemalige Angestellte sind aufgefordert dazu ihre Erfahrungen einzubringen.

Quelle: http://www.polizei-nrw.de/presseportal/ ... 5-608.html

thorstein
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Beitrag von thorstein » 21.07.2010, 23:01

Soweit ich die Kritikpunkte an dieser Einrichtung überblicke, wage ich eine provokante These: Auf diesem Niveau muss heute praktisch jedes Heim mit einem Skandal rechnen. Es ist doch nicht die Frage, ob es Mängel in einem Heim gibt, sondern die Art und die Häufigkeit sind leider schon Grundlage der Beurteilung. Wenn ein Heim 100 BewohnerInnen versorgt und bei drei BewohnerInnen werden schwere Mängel festgestellt: Ist das viel, ist das wenig oder der Durchschnitt?

Die Skandalisierung spiegelt der Bevölkerung wieder vor: Das ist nur eine Ausnahme. In allen anderen Heimen sind die Zustände ganz anders. Sonst wäre das hier ja auch kein Skandal, oder?

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Tod im Pflegeheim: Justiz ermittelt

Beitrag von Presse » 22.07.2010, 07:12

Mönchengladbach
Tod im Pflegeheim: Justiz ermittelt

VON GABI PETERS UND JÜRGEN STOCK - zuletzt aktualisiert: 22.07.2010 -

Mönchengladbach (RP) In Mönchengladbach ist ein 85-Jähriger möglicherweise durch mangelnde Versorgung mit Flüssigkeit während einer Kurzzeitpflege gestorben. Nun ermitteln Staatsanwaltschaft und Polizei wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung des Mannes.
....
Werner Schell (70) aus Neuss, langjähriger Dozent an Pflegeschulen und Leiter der Selbsthilfevereinigung "Pro Pflege", hat sich gestern die Erfahrungen der Angehörigen pflegebedürftiger Senioren im Heim Giesenkirchen an Ort und Stelle schildern lassen. Sein Fazit: "Das ist ein Fall von außergewöhnlicher Dramatik, aber in Deutschland sicherlich nur die Spitze des Eisbergs." Gleich, wer der Träger ist, sei das Personal in allen Pflegeeinrichtungen in Deutschland überlastet. Zur fachgerechten Versorgung alter und kranker Menschen sei mindestens 20 Prozent mehr Personal nötig.

Schell hat sich mit den Vorgängen in den betroffenen Mönchengladbacher Caritas-Heimen intensiv auseinandergesetzt. "Natürlich wissen Pflegekräfte, dass alte Menschen ausreichend trinken müssen", sagt er. "Wenn in den Einrichtungen nicht professionell gearbeitet wird, ist das aber ein Führungsproblem."

Auch Michael Isfort, Professor am Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung, sagt, dass ähnliche Missstände nicht nur in Mönchengladbach vorkommen.
....
Weiter lesen unter
http://www.rp-online.de/niederrheinsued ... 84768.html

Gaby Modig
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Pflegemängel - in der Führung liegt die Verantwortung

Beitrag von Gaby Modig » 22.07.2010, 07:42

Ich beobachte die Geschehnisse in den Caritas-Pflegeeinrichtungen in Mönchengladbach ein wenig und sehe, wie das auch schon beschrieben wurde, erhebliche Mängel in der Führung, wer da auch immer sich angesprochen fühlen mag. Solange insoweit keine Lösungen angeboten und vollzogen werden, wird sich wohl auf Dauer nichts ändern.
Dass das Personal unter erheblichen Arbeitsdruck stand und steht, und zudem durch die Geschehnisse völlig verunsichert ist, wird jeder Kenner der Szene sich vorstellen können.
Jetzt einzelne Fehlleistungen mit der Staatsanwaltschaft lösen zu wollen, halte ich für einen Irrweg. Damit will ich keineswegs irgendetwas entschuldigen, aber man muss doch Ursache und Wirkung im Auge haben.

Gaby Modig
Pflegesystem verbessern - weg von der Minutenpflege. Mehr Pflegepersonal ist vonnöten!

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Pflegemängel in MG-Giesenkirchen - TV-Tipp 22.07.2010

Beitrag von WernerSchell » 22.07.2010, 17:23

TV-Tipp für den 22.07.2010:

Heute berichtet WDR-Fernsehen, Lokalzeit Düsseldorf, 19.30 - 20.00 Uhr,
erneut über die Pflegemängel im Caritas-Pflegeheim MG-Giesenkirchen.

Im Interview u.a.
Werner Schell, Vorstand von Pro Pflege - Selbsthilfenetzwerk.

Siehe auch unter
http://www.wdr.de/studio/duesseldorf/na ... ex.html#r1
Weitere Ermittlungen im Altenheim-Skandal
Die Ermittlungen der Polizei im mutmaßlichen Pflegeskandal in einem Mönchengladbacher Altenheim der Caritas dauern an. Die Obduktion des verstorbenen 85-jährigen Bewohners hat ergeben, dass er an Wassermangel starb. Ob es sich dabei um Versäumnisse bei der Pflege handele, sei noch unklar, sagte der Leiter der Ermittlungskommission dem WDR. Die Polizei befragt jetzt Patienten, Pfleger und Ärzte des Altenheims.
Pro Pflege - Selbsthilfenetzwerk (Neuss)
https://www.pro-pflege-selbsthilfenetzwerk.de/
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Neue Verfügung für Caritas-Altenheim

Beitrag von Presse » 23.07.2010, 06:39

Aktuelle Medienberichte - Überblick 23.07.2010:

Polizei Mönchengladbach
POL-MG: Ermittlungen in Pflegeheimen

Mönchengladbach (ots) - Die Durchsuchungsmaßnahmen der Polizei und Staatsanwaltschaft Mönchengladbach am vergangenen Dienstag in zwei Altenheime haben zu einem breiten öffentlichen Interesse geführt.

Mittlerweile haben sich bereits etliche Zeugen gemeldet. Der Leiter der Ermittlungskommission, Kriminalhauptkommissar Friedhelm Schultz, möchte jedoch mit möglichst vielen Hinweisgebern in diesem Zusammenhang sprechen: "Wir möchten uns ein Gesamtbild der Zustände in den Pflegeheimen machen. Dazu reicht es nicht, dass wir nur Informationen von einigen wenigen bekommen."

Schultz ist mit der Zusammenarbeit bei diesen Ermittlungen sehr zufrieden. Er hat den Eindruck, dass allen Beteiligten daran gelegen ist, die Vorfälle in den Altenheimen rückhaltlos aufzuklären. "Schließlich geht es hier in erster Linie darum, dass hilfsbedürftige alte Menschen und deren Angehörige darauf vertrauen können, in den entsprechenden Einrichtungen ordnungsgemäß gepflegt und behandelt zu werden," so Schultz weiter.
Auch am Wochenende nimmt die Kriminalpolizei Hinweise unter 02161-290 entgegen.

Quelle: Mitteilung vom 23.07.2010
Pressestelle Polizei Mönchengladbach
Tel.: 02161 / 292020

Mönchengladbach
Neue Verfügung für Caritas-Altenheim
VON GABI PETERS - zuletzt aktualisiert: 23.07.2010 Mönchengladbach (RP) Es gibt eine neue Auflage für das Caritas-Altenheim in Giesenkirchen. Am Donnerstag teilte die Heimaufsicht der Pflegeheim-Leitung an der Konstantinstraße schriftlich mit, dass ab sofort alle Risiko-Patienten engmaschiger und intensiver überwacht werden müssen. .... (mehr)
http://www.rp-online.de/niederrheinsued ... 85184.html

Pflegepersonal muss täglich berichten
Die Stadt hat als Heimaufsicht im Caritaszentrum Giesenkirchen angeordnet, dass sie noch häufiger informiert wird...... (mehr)
http://www.wz-newsline.de/?redid=894780

Die Rheinische Post, Düsseldorf, berichtet in ihrer heutigen Ausgabe in mehreren Artikeln zum Thema!

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Pflegemängel und die Berichterstattung in den Medien

Beitrag von ProPflege » 23.07.2010, 15:03

Presse hat geschrieben: .... Die Rheinische Post, Düsseldorf, berichtet in ihrer heutigen Ausgabe in mehreren Artikeln zum Thema!
Bild Pro Pflege - Selbsthilfenetzwerk
Unabhängige und gemeinnützige Initiative - Harffer Straße 59 - 41469 Neuss

Pro Pflege - Selbsthilfenetzwerk führt regelmäßig Pflegetreffs mit bundesweiter Ausrichtung durch.
Pro Pflege – Selbsthilfenetzwerk ist Kooperationspartner der „Aktion Saubere Hände.“


Neuss, den 23.07.2010

An die
Rheinische Post Düsseldorf
Neuss-Grevenbroicher Zeitung Neuss


Überstücke:
An das
Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter NRW
Frau Ministerin Barbara Steffens

An die
Ministerpräsidentin des Landes NRW
Frau Hannelore Kraft

An verschiedene Medien


>>> Aus Gründen der Vereinfachung und Kostenersparnis führen wir Schriftwechsel vornehmlich per E-Mail. Wir bitten um Verständnis! <<<

Betr.: Berichte in der Rheinischen Post (NGZ) vom 23.07.2010 „Härtere Kontrolle der Pflegeheime“ (Eva Quadbeck / Thomas Reisener), „Was gute Pflegeheime auszeichnet“ (Jürgen Stock) und „Mehr Zeit für Menschen“ (Jürgen Stock)

Bezug: Telefonische Besprechungen mit mir am 21.07.2010 als Vorbereitung für den Bericht in der Rheinischen Post vom 22.07.2010 mit dem Titel „Tod im Pflegeheim: Justiz ermittelt“ (Gabi Peters / Jürgen Stock)

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich konnte mich wegen der Mönchengladbacher Pflegemängel (Caritaseinrichtungen) weiter informieren und habe gestern erneut in mehreren Interviews für den WDR (Radio / TV, Lokalzeit Düsseldorf) Stellung nehmen können. Von daher habe ich Ihre Berichte mit Interesse gelesen und nehme dazu wie folgt Stellung:

Wie ich Ihnen schon in den zurückliegenden Jahren immer wieder mitgeteilt habe, würde ich häufigere Medienberichte zur Pflege auch dann begrüßen, wenn es nicht gerade um Skandale geht, sondern eher um normale Zustandsbeschreibungen in Verbindung mit pflegepolitischen Forderungen derjenigen Institutionen und Personen, die sich einigermaßen in der Pflegeszene auskennen. Auf zahlreiche Mitteilungen dieser Art und Pressenachrichten von hier haben Sie nie reagiert.

Nun sind aktuell einige Missstände in das Blickfeld der Öffentlichkeit geraten und schon gibt es wieder die „dicken Schlagzeilen“. Der Titel „Härtere Kontrolle der Pflegeheime“ hat es vor Jahren in ähnlicher Form schon oft gegeben. Geändert hat sich aber nichts.

Ich bin nicht der Meinung, dass mit Kontrollen durch Heimaufsicht, MDK, Brandschutz … usw. keine Verbesserung der Pflegesituationen zu erzielen ist. Solche Kontrollen sogar noch öfter durchzuführen, liegt völlig daneben. Nein, dadurch wird der Druck auf die Pflegekräfte nur erhöht und die vielfach geforderte Wertschätzung und Anerkennung für diesen Personenkreis gerät zusätzlich in Mitleidenschaft.

Natürlich brauchen wir Kontrollen. Aber dann bitte möglichst in einer Hand. Gefordert wird von hier seit langer Zeit, die kommunalen Heimaufsichten aufzulösen und deren Zuständigkeiten in staatliche Kompetenz (Bezirksregierung) zu übernehmen. Die jetzigen Heimaufsichten kontrollieren zum Teil die eigenen Einrichtungen (Heime der Städte und Kreise).

Ich habe daher in einem Brief vom 19.07.2010 bei der Landesregierung von NRW die Einsetzung eines „Beauftragten für die Belange pflegebedürftiger Menschen“ (Ombudsmann /-frau) vorgeschlagen. Diesen Antrag habe ich am 19.07.2010 eigentlich als Wiederholung formuliert, weil ein ähnlicher Antrag, den ich bei der „alten“ CDU-geführten Regierung gestellt hatte, nicht zeitgerecht bearbeitet wurde. Eine solche Stelle hätte den großen Vorteil, dass es dabei nicht um eine klassische Prüfinstanz ginge, sondern um eine besonders effektive Maßnahme eines Beschwerdemanagements. Die Pressemitteilung zu diesem Thema vom 19.07.2010 habe ich nochmals angefügt. Für nähere Erläuterungen stehe ich zur Verfügung.

Wie ineffektiv staatliche Einrichtungen oftmals arbeiten, ist auch daraus ersichtlich, dass in der o.a. Pflegemängelangelegenheit die zuständige oberste Heimaufsicht (Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales NRW, damaliger Minister, Herr Laumann) informiert war, aber keinerlei Hinweise gegeben hat, wie zu verfahren ist. Man wusste also Bescheid!

Die seit Jahren immer wieder auftretenden Pflegemängel können durch keine Form der Kontrollen vermieden werden. Wir haben nämlich so viele systemische Mängel in der Pflege, dass unzureichende Versorgungs- und Pflegesituationen vorprogrammiert sind.

Warum werden nicht deutlicher die Verantwortlichkeiten auf der Führungsebene hinterfragt? Bekanntlich „stinkt der Fisch immer vom Kopf her“. In den Einrichtungen, wo die Führungskräfte bestens geeignet sind und gute Arbeit leisten, gibt es durchweg auch befriedigende Benotungen. Bestnoten lassen die schlechten Rahmenbedingungen eigentlich nirgendwo zu!

Am 21.07.2010 habe ich Ihrem Vertreter bereits telefonisch erläutern können, dass die Personalsituation in den Heimen (aber auch Krankenhäusern) dramatisch schlecht ist. Rd. 20% Pflegekräfte fehlen. Dies erwähnen Sie zwar in Ihrem heutigen Kommentar „Mehr Zeit für Menschen“ (Jürgen Stock), beziehen sich dabei aber ganz allgemein darauf, dass „Selbsthilfegruppen“ davon sprechen sollen. Nein, es sprechen keine Selbsthilfegruppen davon, sondern der Vorstand von Pro Pflege – Selbsthilfenetzwerk, der als Dozent für Pflegerecht seit mehr als 40 Jahren in der Pflegeaus-, fort- und weiterbildung tätig ist und sich bestens auskennt, hat dies erklärt. Warum fehlt diese exakte Bezugnahme?

In einer Berichterstattung hätte ich eigentlich erwartet, dass Sie die schlechten Pflege-Rahmenbedingungen in den Mittelpunkt der Erörterungen rücken. Selbst die jetzt amtierende Koalition hat sich eine Pflegereform vorgenommen, nachdem 2008 eine wirkliche Reform nicht zustande kommen konnte, sondern nur an einigen Vorschriften des SGB XI herumgebastelt wurde. Die Pflege wurde damals weder reformiert, noch zukunftsfest gemacht. Die demografische Entwicklung erfordert umfassende Korrekturen, jetzt.

Die „Schulnoten für Heime“ werden das Problem auch nicht lösen. Denn die insoweit maßgeblichen Vorschriften stimmen hinten und vorne nicht, bringen Noten hervor, die die Verhältnisse auf den Kopf stellen. So erhielt das Giesenkirchener Caritasheim z.B. Anfang Juni 2010 die Note 1,4. Gleichwohl berichten Sie und andere über seit längerer Zeit bestehende Mängel, die sogar Polizei und Staatsanwaltschaft auf den Plan gerufen haben. – Zum Thema gibt es von hier auch eine Pressemitteilung vom 25.05.2010. Sie ist ebenfalls angefügt.

Eigentlich bin ich über die heutige Berichterstattung in der Rheinischen Post (NGZ) nicht nur enttäuscht. Nein, ich bin stinke sauer darüber, dass es wieder einmal nicht gelungen ist, deutlich genug die wirklichen Probleme anzusprechen. In einem umfangreichen Statement wurde von hier bereits am 10.11.2009 auf Pflegereformnotwendigen aufmerksam gemacht:
Reform der Pflegesysteme - »Wir alle sind gefordert« -
Stellungnahme von Pro-Pflege Selbsthilfenetzwerk zum Koalitionsvertrag (Abschnitt 9.2.: Pflege- Weiterentwicklung der Pflegeversicherung) hier http://www.pro-pflege-selbsthilfenetzwe ... ysteme.php
Warum werden solche Statements nicht zeitgerecht aufgegriffen?

Mit freundlichen Grüßen
Werner Schell

+++
Neuss, den 19.07.2010
Pressemitteilung

Pro Pflege – Selbsthilfenetzwerk hat der Landesregierung in Nordrhein-Westfalen (NRW) vorgeschlagen, eine (ehrenamtlich zu führende) Stelle eines „Beauftragten für die Belange pflegebedürftiger Menschen“ (Ombudsmann-/frau) zu schaffen und diese Stelle zunächst mit bescheidenen Sachmitteln auszustatten.

Eine solche Stelle erscheint Pro Pflege - Selbsthilfenetzwerk deshalb für erforderlich, weil die Betreuung, ärztliche Versorgung und Pflege in den ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen immer wieder als arg mängelbehaftet bezeichnet werden muss. Weder Heimaufsichten noch der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) haben diesem Übel bisher wirksam begegnen können. Dies hat vielerlei Gründe. Dabei ist auch zu bedenken, dass die Heimaufsichten bezüglich der ambulanten Pflegeeinrichtungen überhaupt keine Aufsichtskompetenzen haben. Im Übrigen prüfen die genannten Institutionen immer nur die Einhaltung der gesetzlichen Rahmenbedingungen, d.h. überwiegend sind die Prozess- und Strukturverhältnisse im Blickfeld. Probleme in der Ergebnisqualität bleiben dann weitgehend unangesprochen. Dies ist mehr als bedauerlich, weil gerade dieser Bereich der für die pflegebedürftigen Menschen entscheidende ist.

Auch die Transparenzvereinbarungen und Bewertungskriterien für den sog. Pflege-TÜV sind nach Einschätzung von Pro Pflege - Selbsthilfenetzwerk völlig unzureichend und zur Zeit, auch vor den Gerichten, heftig umstritten. Es sind folgerichtig Bestrebungen im Gange, diese Vorschriften entscheidend zu verändern. Selbst wenn die Pflege-TÜV-Regelungen im Sinne der pflegebedürftigen Menschen und für mehr Transparenz verbessert würden, kann der durch Schulnoten ausgeübte Druck die Verhältnisse voraussichtlich kaum wirklich verbessern. Die ohnehin gebeutelten Pflegekräfte würden noch mehr in Notlagen geraten. Denn vor allem aufgrund unzulänglicher Stellenschlüssel sind die Arbeitsverdichtungen immens.

Es wird daher nach Auffassung von Pro Pflege – Selbsthilfenetzwerk für erforderlich erachtet, ganz konkret bestimmten Pflegemängeln nachzugehen und für Abstellung einzutreten. Dies könnte sinnvollerweise durch eine Beauftragtenstelle im Sinne der gemachten Vorschläge geschehen. Unabhängig davon sieht Pro Pflege - Selbsthilfenetzwerk eine Pflegereform, die diesen Namen verdient, als notwendig an. Dabei müssen solidarische Erwägungen im Mittelpunkt stehen.

Werner Schell, Dozent für Pflegerecht

+++
Neuss, den 25.05.2010
Pressemitteilung

Pflege-TÜV und die Schulnoten für Pflegeeinrichtungen
Kritische Anmerkungen von Pro Pflege - Selbsthilfenetzwerk


Die Suche nach einer geeigneten (ambulanten oder stationären) Pflegeeinrichtung gestaltet sich oftmals schwierig. Eine solche Einrichtung soll einmal den konkreten Wünschen entsprechen und dann selbstverständlich gute, der Menschenwürde gerecht werdende Pflege, Betreuung und sonstige Versorgung gewährleisten. Verkürzt gesagt geht es um die Suche nach dem sogenannten guten Pflegedienst oder Heim. Und jetzt beginnen die Probleme.

Insoweit nimmt Pro Pflege – Selbsthilfenetzwerk wie folgt Stellung:

Eine wirklich uneingeschränkt gute Pflegeinrichtung zu finden, ist eigentlich nicht möglich. Denn das SGB XI und die sonstigen die Pflege betreffenden bundes- und landesrechtlichen Vorschriften lassen es überhaupt nicht zu, umfassend eine gute / angemessene Pflege zu gewährleisten. Es gibt vielerlei systemische Mängel, vor allem völlig unzureichende Personalausstattungen (Stellenschlüssel), so dass auch bei kompletter Besetzung aller Planstellen nie genügend Personal vorhanden sein kann. Im Volksmund hat sich insoweit bereits die Bezeichnung „Minutenpflege“ durchgesetzt.

Die fachärztliche Versorgung wird in den Heimen seit Jahren als klar mangelhaft bezeichnet. Bundesweit greifende Konzepte für Verbesserungen auf diesem Gebiet kommen, trotz vielfältiger Modellprojekte und Reformankündigungen, nicht voran. Es hapert letztlich an der Honorierung der Ärzte. Insoweit zeigt die Ökonomisierung des Gesundheitswesens volle Wirkung.

Die vor Jahren durchgeführte Föderalismusreform hat die Probleme im Pflegesystem zusätzlich vergrößert, weil es nunmehr ein Durcheinander von bundes- und landesrechtlichen Vorschriften gibt, versehen mit immer größer werdenden bürokratischen Hürden, die kaum nachvollziehbar erscheinen. Die Doppelprüfungen von Heimaufsichten und MDK können als überflüssig angesehen werden. Eine einzige - mit den notwendigen Kompetenzen ausgestatte - Prüfinstanz wäre kostengünstiger und effektiver wirksam. Eingesparte Mittel könnten der direkten Versorgung pflegebedürftiger Menschen zugute kommen.

Bis heute haben es im Übrigen weder der Bund noch die Länder vermocht, die Grundsätze der „Charta der Rechte hilfe- und pflegebedürftiger Menschen“ verbindlich zu machen, d.h. zu subjektiv-öffentlichen Rechten mit Anspruchscharakter auszuformen. Pro Pflege - Selbsthilfenetzwerk hat wiederholt angesprochen und bemängelt, dass es nicht ausreichend sei, diese Chartagrundsätze in „Sonntagsreden“ als Fortschritt zu preisen. Bezüglich der Chartagrundsätze kann folgerichtig nur von einem "Papiertiger" gesprochen werden.

Bei der Suche nach einer sogenannten guten Einrichtung kann es also im Zweifel nur darum gehen, solche Anbieter ausfindig zu machen, die sich unter den gegebenen schlechten Pflege-Rahmenbedingungen bestmöglich bemühen, den pflegebedürftigen Menschen mit entsprechend gestalteten Pflege-, Betreuungs- und sonstigen Versorgungsangeboten zu unterstützen und beizustehen. Insoweit scheinen gute Führungskräfte (z.B. Heimleitung, Pflegedienstleitung) Schlüsselpositionen zu sein. Wo es insoweit nicht stimmt, gilt möglicherweise der Grundsatz „Der Fisch stinkt vom Kopf“.

Bemühungen, den Pflegebedürftigen bestmögliche Dienstleistungen zu bieten, können sehr unterschiedlich ausfallen, so dass die Ergebnisse solcher Aktivitäten durchaus mit einem Notensystem bewertet werden können. Gelänge dies in nachvollziehbarer Weise, könnte man die „Spreu vom Weizen“ trennen.

Begrüßenswert ist daher, dass der Gesetzgeber bei der Pflegereform 2008 mehr Transparenz und Bewertungen der Pflegeeinrichtungen vorgeschrieben hat, zumal dabei nach dem Gesetzeswortlaut im Wesentlichen auf die Ergebnisqualität der pflegebedürftigen Menschen abgestellt werden soll.

Die daraufhin unter Federführung des GKV-Spitzenverband Bund erarbeiteten Transparenzvereinbarungen und Bewertungskriterien als Grundlage für die Bewertung von Pflegeeinrichtungen mit Schulnoten genügen aber in keiner Weise den gesetzlichen Anforderungen. Dies vor allem deshalb nicht, weil die Ergebnis- und Lebensqualität nicht in der gebotenen Weise entscheidend ausschlaggebend für die Notengebung gemacht wurde. Die Schulnoten werden nach den augenblicklichen Vorschriften aus einer Gemengelage von Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität ermittelt.

Dies ist aber nicht das, was diejenigen, die sich im Wesentlichen ergebnisorientiert informieren wollen, erfahren wollen. So kann es z.B. sein, dass eine gut geführte Dokumentation oder eine gerade durchgeführte Fortbildung für MitarbeiterInnen einen handfesten Mangel in der Pflege (z.B. Durchliegegeschwür, Verbrühung, Sturz, mangelnde Mobilisation, keine Unterstützung bei der Nahrungseinnahme, „pflegeerleichternde Maßnahmen“) per Notenquerschnitt ausgleichen kann. Pflegerische Mängel können also letztlich im Notendschungel untergehen und somit wichtige Botschaften klar verfälschen.

Pro Pflege - Selbsthilfenetzwerk ist der Meinung, dass für die Bewertung einer Einrichtung allein die Ergebnisqualität ausschlaggebend sein muss. Struktur- und Prozessqualität können allenfalls am Rande interessant und vor allem für die innerbetriebliche Managementarbeit von Bedeutung sein.

Die Notengebung auf der Grundlage einer Angehörigenbefragung zu ergänzen kann in der jetzigen Form als kontraproduktiv angesehen werden. Wenn überhaupt, muss auf die Befragung der Betroffenen selbst oder ihrer Rechtsvertreter abgestellt werden. Entscheidend muss aber insoweit auf jeden Fall sein, dass bei der Befragung Abhängigkeitserwägungen auf jeden Fall ausgeschlossen werden können. Welcher Betroffene wird seinen Vertragspartner ohne Not kritisieren, wenn er befürchten muss, dass ihm solche Bekundungen heimgezahlt werden können? Bislang bekannt gewordene Ergebnisse über Angehörigenbefragungen bestätigen die Zweifel.

Die Verbände der zu prüfenden Einrichtungen sind bei der Erarbeitung der maßgeblichen Prüfkriterien beteiligt worden, konnten also gezielt Einfluss nehmen. Bereits Anfang 2009 wurde in diesem Zusammenhang von einem führenden Vertreter des MDS kritisiert, dass hier der „Bock zum Gärtner“ gemacht worden sei. Wenn sich demnach heute Träger von Pflegeeinrichtungen gegen schlechte Benotungen zur Wehr setzen, sogar die Sozialgerichte anrufen, scheint das auch ein wenig widersprüchlich.

Nicht beteiligt wurden bei der Abfassung von Transparenzvereinbarungen und Bewertungskriterien die insoweit kompetenten Selbsthilfevertreter. Damit ist in eklatanter Weise gegen die Vorschriften des SGB XI verstoßen worden. So gesehen sind die berechtigten Belange der Betroffenenseite weder in den Prüfkriterien ausreichend gewahrt, noch konnten sie im Rahmen der Vorbereitung der Prüfkriterien vorgetragen und diskutiert werden. Zu beklagen ist, dass sich der GKV-Spitzenverband Bund bislang weigert, Pro Pflege – Selbsthilfenetzwerk an der gebotenen Überarbeitung der Prüfvorschriften zu beteiligen.

Im Übrigen geht Pro Pflege - Selbsthilfenetzwerk davon aus, dass eine wirkliche und nachhaltige Verbesserung der Pflege, Betreuung und Versorgung in den Pflegeeinrichtungen nur durch eine umfassende Reform der Pflege-Rahmenbedin¬gungen erreicht werden kann. Dabei müsste vor allem durch eine auskömmliche Ausstattung der Pflegeeinrichtungen mit (Fach)personal gewährleistet werden, dass für die vielfach gewünschte bzw. geforderte Zuwendung deutlich mehr Zeit zur Verfügung steht. Solche Personalausstattungen sollten mittels bundeseinheitlicher Personalbemessungssysteme ermittelt werden.

Mit einem Pflege-TÜV und Schulnoten auf der jetzigen Vorschriftenbasis erhöht man nur den Druck auf die ohnehin durch personelle und organisatorische Unzulänglichkeiten gebeutelten Pflegekräfte und schafft zusammen mit den viel beklagten Arbeitsverdichtungen nur weiteren Frust. Und dies wird die Pflegequalität nicht verbessern, sondern eher verschlechtern!

Werner Schell,
Dozent für Pflegerecht und Vorstand von Pro Pflege – Selbsthilfenetzwerk
Pro Pflege - Selbsthilfenetzwerk
Unabhängige und gemeinnützige Initiative
http://www.pro-pflege-selbsthilfenetzwerk.de/

ThomasH
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Pflegemängel und die Berichterstattung in den Medien

Beitrag von ThomasH » 23.07.2010, 17:03

Sehr geehrter Herr Schell,

ich - im Saarland wohnend - hatte Sie heute im WDR Fernsehen, in einem Bericht über den Pflegeskandal in Mönchengladbach, gesehen.
In diesem kurzen Bericht antworteten Sie auf die Frage nach der tatsächlichen, also vom MDK-Testurteil abweichenden, zustehenden Note für das betreffende "Heim" mit "mangelhaft".
Als Dozent sollten Sie wissen, dass es auch "ungenügend", wegen mir auch noch mit Minus, gibt.

Ich hoffe jetzt doch sehr, dass sich die Staatsanwaltschaft sachkundiger, unabhängiger Sachverständiger bedient, um die Ursache des Flüssigkeitsmangels bei dem in diesem Heim verstorbenen Menschen aufzuklären.
Sollten sich bei dem verstorbenen Menschen tatsächlich Pflegefehler, -defizite, bis hin zur Unterlassung notwendiger Maßnahmen zeigen, erwarte ich, dass Köpfe rollen, da ich dann - ohne tiefere Kenntnis der Rechtszusammenhänge - vom Tatbestand des Totschlages, durch unterlassene Hilfeleistung bei Schutzbefohlenen ausgehe.

Zu der Minuten-, oder besser "Erbsenzählerei".
Seit 1994 befasse ich mich beruflich mit der Begutachtung nach SGB XI, davon seit 2001 in selbständiger Form.
Zurückliegend und gegenwärtig halte ich die unter N. Blüm festgelegte Vorgehensweise zur Pflegestufenfestsetzung für geeignet und ausreichend. Auch die gegenwärtige Debatte um den Pflegededürftigkeitsbegriff halte ich für unnötig, Ressourcen und Kosten verschwendend.
Würden die - wie finde sachlich ausreichend formulierten - Begutachtungsrichtlinien (BRI) zum Wohle des Menschen angewendet werden, gebe es die populistische Gerechtigkeitsdiskussion nicht.
Leider jedoch ist zu oft zu erleben, dass wegen 1-5 Minuten zu wenig eine niedrigere Pflegestufe zugesprochen wird. Diese Praxis bezeichne ich als nichts anderes als Leistungssteuerung; hier, u. a. zur Einhaltung der Anhaltszahlen zur Pflegestufenverteilung, diese aus der Gründungszeit der Pflegeversicherung, als es darum ging den prozentualen Beitragssatz fest zu setzen. Entsprechende Urteile von Gerichten bestätigen mich in meiner Auffassung, zur sachlich fundierten, aber menschenfreundlichen Pflegebegutachtung.

Was bitte soll der von Ihnen empfohlene Ombudsmann tatsächlich bewirken? Hier fehlt mir das Wissen über mögliche, unmittelbar wirksame Aktivitäten zur Einflussnahme.

Sie haben Recht die Heimaufsicht, der MDK und seine Qualitätsprüfung (bspw. ob die Handtücher farblich sortiert im Regal liegen), der TÜV, sonstige erlebe ich unzureichend und defizitär.
Sie sind Dozent für Pflegerecht!?
Warum kann nicht jeder Bürger einfach eine polizeiliche Anzeige machen, sobald er feststellt, dass in einem Altenheim Schaden an einem Schutzbefohlenen entsteht?
Welche Verantwortung haben hier die gesetzl. Betreuer, welche sich ihre "Vormundschaft" doch allzu schnell ganz einfach machen, indem sie ihre "Mündel" ins Heim verlagern, um sich damit ihren Job zu vereinfachen und ihrer Verantwortung zu entziehen.
Von daher sehe ich den Ombudsmann am nächsten bei der Staatsanwaltschaft, ggf. als Taskforce "Pflege".

Wir leben im Kommunikationszeitalter. Schauen wir z. B. bei ebay, amzon, sonstigen Internetverkäufern oder Plattformen.
Dort findet der Volkswille unmittelbar Ausdruck, durch die Bewertungen über stattgehabte Transaktionen. Dieses System der Anbieterkontrolle scheint zu funktionieren, zumindest bestätigen dies die stetig wachsenden Umsatz- und Verkaufszahlen.
Als bringen wir doch etwas Liberalismus in die Pflege, zu Gunsten derer die gepflegt werden müssen oder deren die in Bälde evtl. werden gepflegt werden müssen.

Warum?
Weil mein Pflegebett mir näher ist als mein Kinderbett. :oops:
Und dann war da noch:
Weg mit der Sachleistung im SGB XI. Eine Leistung für alle. Der Markt wird es richten. :wink:
Mein "Pro" zur "Zwangsverpflichtung" von Arbeitslosen, u. a. auch in der Pflege, hatte ich schon dargelegt. Braucht halt Mut, über imaginäre Vorbehalte hinweg zu schreiten.
Aber - und da wird mit jeder Recht geben - der Mensch in Mönchengladbach wäre zumindest nicht verdurstet, wäre bspw. ein Arbeitsloser 64-jähriger, ehemaliger Grubenarbeiter bei ihm gewesen um ihm zum Trinken zu geben.
Aber in Deutschland braucht es ja "Diplome" um etwas zu sein oder zu dürfen :twisted:
Dabei berichten mir Angehörige nahezu täglich davon, wie ihre pflegebedürftigen Angehörigen, gerade unter Obhut von Ärzten, Therapeuten und examinierten Pflegekräften, in sämtlichen stat. Einrichtungen leiden müssen und mit welcher Ohnmacht, sie die Angehörigen, dem gegenüberstehen. Das "Witzige" daran ist, die Angehörigen haben zu allem auch noch Verständnis für die Personalnöte in den stat. Einrichtungen.
Liegt hier nicht eine gravieredene Verschiebung der Prioritätenabfolge vor? :idea:

Mit freundlichen Grüßen
Thomas Hahn

Brigitte Bührlen
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Wir alle müssen Verantwortung übernehmen

Beitrag von Brigitte Bührlen » 23.07.2010, 20:06

Mein Traum ist es, Angehörige und Betreuer in Heimen zu motivieren Verantwortung zu übernehmen und sie mit Rechten auszustatten, so dass sie die Interessen der Pflegebedürftigen wahrnehmen können. Eigentlich ganz ähnlich wie im Schulbereich Elternbeiräte die Interessen der Kinder lokal, regional und überregional wahrnehmen.

Ich denke, wir alle müssen in der Zukunft Verantwortung für das Wohlergehen unserer Pflegebedürftigen übernehmen, nur wenn wir uns als Zivilgesellschaft engagieren kann sich in der Pflege etwas ändern.
Leider ist derzeit in der Bevölkerung und auch in der großen Gruppe der pflegenden Angehörigen noch kein Bewusstsein vorhanden über die eigene Kompetenz in der Pflege und über die Verantwortung, die wir übernehmen müssen um Veränderungen zu erreichen.

Ich bin zutiefst davon überzeugt:

Wenn wir nicht gemeinsam mit den professionellen Pflegekräften ( die ja auch Teil der Zivilgesellschaftgesellschaft sind!) eine Lobby bilden, dann wird sich nichts verändern in der Pflege und ihren Rahmenbedingungen.

Es lohnt sich für k e i n e derzeit in der Pflege engagierte politische oder wirtschaftlich ausgerichtet Struktur in unserem Staat, sich für die Bedürfnisse Pflegebedürftiger einzusetzen. Es lohnt sich weder finanziell noch machtmäßig.

Wer also kann ein Interesse an Veränderungen haben? N u r die Betroffenen ( die es ja in allen Altersgruppen gibt) selbst und ihr soziales pflegendes und betreuendes Umfeld.

Das jedenfalls ist mein Eindruck nach 20 Jahren Beobachtung des Systems und den Erfahrungen im System.
Ich glaube nicht mehr an die Reformfähigkeit des Systems aus sich selbst heraus, auch wenn beim einen oder anderen Akteur ehrlicher Wille vorhanden sein mag.
Aber Keiner kann wirklich aus der Spur treten, kein Politiker und kein in der Pflegewirtschaft Tätiger. Der Filz ist nicht mehr aufzuweichen.

Wir haben Heimaufsichten, MDK, Heim- und Angehörigenbeiräte.
In der derzeitigen Form und mit den derzeitigen "Machtmitteln" ausgestattet sind diese Organe jedoch zahnlose Tiger.
Ein Ombudsmann/frau wird ebenfalls nicht unabhängig sein können in der Wahrnehmung der Interessen Pflegebedürftiger, da er/sie von einer Stelle bezahlt werden müsste von der sie abhängig ist.

Ich würde mir wünschen, dass Angehörige und das soziale Umfeld Pflegebedürftiger sich in lokalen Gremien zusammenschließen und gemeinsam die Interessen der Pflegebedürftigen vor Ort wahrnehmen.
Ich würde gerne erreichen, dass wir uns als Zivilgesellschaft für das Wohl unserer Nächsten und auch unser eigenes zukünftige Wohles einsetzen.
Auf Dauer werden wir es uns nicht leisten können die Interessenvertretung zu delegieren, wir werden uns selbst damit befassen müssen.

Auch sollten wir Pflegebedürftigkeit nicht in erster Linie als Makel und Defizit sehen, sondern versuchen die Ressourcen zu fördern und auch das Positive im Leben eines Hilfsbedürftigen und des ihn Betreuenden zu entdecken. Es muss auch Fröhlichkeit und ein bisschen "Ungenormtes" und "Nichtstandardisiertes" geben dürfen, sonst ist das Leben eines Pflegebedürftigen und der ihn Versorgenden über kurz oder lang unerträglich.
Pflegebedürftige und Pflegende brauchen Pflege für Körper G e i s t und
S e e l e.
Wir sind Menschen und brauchen uns als Menschen, damit Pflege nicht unmenschlich wird!

Nun ist mir das Herz übergegangen, aber das muss und darf vielleicht auch einmal sein?

Cicero
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Pflegemängel - neue Beschwerdemöglichkeiten notwendig

Beitrag von Cicero » 24.07.2010, 06:41

ProPflege hat geschrieben: .... Nun sind aktuell einige Missstände in das Blickfeld der Öffentlichkeit geraten und schon gibt es wieder die „dicken Schlagzeilen“. Der Titel „Härtere Kontrolle der Pflegeheime“ hat es vor Jahren in ähnlicher Form schon oft gegeben. Geändert hat sich aber nichts.
Ich bin nicht der Meinung, dass mit Kontrollen durch Heimaufsicht, MDK, Brandschutz … usw. keine Verbesserung der Pflegesituationen zu erzielen ist. Solche Kontrollen sogar noch öfter durchzuführen, liegt völlig daneben. Nein, dadurch wird der Druck auf die Pflegekräfte nur erhöht und die vielfach geforderte Wertschätzung und Anerkennung für diesen Personenkreis gerät zusätzlich in Mitleidenschaft.
Natürlich brauchen wir Kontrollen. Aber dann bitte möglichst in einer Hand. Gefordert wird von hier seit langer Zeit, die kommunalen Heimaufsichten aufzulösen und deren Zuständigkeiten in staatliche Kompetenz (Bezirksregierung) zu übernehmen. Die jetzigen Heimaufsichten kontrollieren zum Teil die eigenen Einrichtungen (Heime der Städte und Kreise).
Ich habe daher in einem Brief vom 19.07.2010 bei der Landesregierung von NRW die Einsetzung eines „Beauftragten für die Belange pflegebedürftiger Menschen“ (Ombudsmann /-frau) vorgeschlagen. ....
Guten Morgen Herr Schell,

ich bewundere Ihr Engagment für die Verbesserung der Pflege. Sie kritisieren die unguten Zustande mit "Augenmaß", bleiben sachlich. Das allein hebt Sie schon von anderen Kritikern ab. Dafür danke ich Ihnen als nicht von Pflegenotwendigkeiten betroffener Bundesbürger ganz herzlich.

Ihr Vorschlag zur Einsetzung eines Ombudsmannes /-frau finde ich hervorragend. Es soll ja damit keine neue Behörde geschaffen werden. Aber immerhin wäre das eine Stelle, wo sich Beschwerden von Betroffenen, Angehörigen und Pflegekräften ... anbringen ließen, die bei den sonstigen Prüfbehörden, die ja eigentlich nur alle nach Vorschrift zu arbeiten haben, keine gebührende Würdigung finden. Damit wäre, wie Sie das ja auch schon formuliert haben, die Ombudsstelle eine besondere bzw. ergänzende Form des Beschwerdemanagements (das in den Einschrichtungen selbst nur unzureichend funktioniert.

Ich sehe auch, dass Sie ergänzend einen neuen § 612a BGB eingefordert haben. Damit soll die nachteilsfreie (!) Mitteilung über beklagendeswerte Situationen im Betrieb möglich sein. Das kann ergänzend sehr hilfreich sein.

Angesichts der Tatsache, dass es zur Behebung der Mängel im alltäglichen Miteinander keinen einzigen richtigen Weg gibt, halte ich Ihre Vorschläge für super gut und hoffe sehr, dass Sie bald damit Gehör finden. Die Medien sollten Sie dabei unterstützen, zumindest durch eine angemessene Berichterstattung.

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende!

Hochachtungsvoll
Cicero
Politisch interessierter Pflegefan!
Im Gleichklang: Frieden - Ausgleich - Demokratie - und: "Die Menschenwürde ist unantastbar"!

Sabrina Merck
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Pflegemängel - Verantwortlichkeiten "oben" hinterf

Beitrag von Sabrina Merck » 25.07.2010, 08:07

Guten Morgen Herr Schell,
hallo Forum!

Es freut mich sehr, dass Pro Pflege ... sich ganz massiv zur Abstellung der Pflegemängel in den Mönchengladbacher Einrichtungen eingeschaltet hat. Ich danke auch dafür, dass Herr Schell sich erneut dafür einsetzt, die Verantwortlichen "oben" zur Rechenschaft zu ziehen und nicht einfach nur "nach unten" zu treten. Die MitarbeiterInnen haben immerhin mit den Angehörigen seit längerer Zeit auf die Missstände hingewiesen und wurden nicht ernst genommen. Im Gegenteil.

Liebe Grüße
Sabrina Merck
Dem Pflegesystem und den pflegebedürftigen Menschen muss mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden! Daher:
Pro Pflege - Selbsthilfenetzwerk!
http://www.pro-pflege-selbsthilfenetzwerk.de

thorstein
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Beitrag von thorstein » 25.07.2010, 08:42

Das jedenfalls ist mein Eindruck nach 20 Jahren Beobachtung des Systems und den Erfahrungen im System.
Ich glaube nicht mehr an die Reformfähigkeit des Systems aus sich selbst heraus, auch wenn beim einen oder anderen Akteur ehrlicher Wille vorhanden sein mag.
Aber Keiner kann wirklich aus der Spur treten, kein Politiker und kein in der Pflegewirtschaft Tätiger. Der Filz ist nicht mehr aufzuweichen.
Volle Zustimmung. Ich habe auch keine Idee, welche Akteure innerhalb des Systems noch Veränderungen herbeiführen könnten. Auf die Wohlfahrtsverbände oder die Politik zu hoffen wäre naiv. Wenn es nur gelingen würde, dass sich die Bevölkerung für die Pflege genauso interessieren würde, wie z.B. aktuell für den Nichtraucherschutz in Bayern, wäre schon viel gewonnen.
Leider liegen ja auch die Lösungsansätze derjenigen, die sich für eine Verbesserung der Situation einsetzen, oft weit auseinander und führen zum Streit.
Ich trete z. B. nach wie vor für einen Baustop von Pflegeheimen ein. Erst müssen wir verlässliche Rahmenbedingungen für die vorhandenen Heime schaffen. Der Grundsatz "ambulant vor stationär" muss endlich ernst genommen werden. Behinderte und Pflegebedürftige gehören in die Gesellschaft integriert und dürfen nicht in Instiutionen ausgelagert werden. Heime müssen die wirklich letzte Alternative sein und nicht das Mittel der Wahl. Heime im großen Stil können nicht die Antwort einer Zivilgesellschaft auf Behinderung und Pflegebdürftigkeit sein.

Gerhard Schenker
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Für Reformen eintreten - politisch agieren

Beitrag von Gerhard Schenker » 25.07.2010, 08:53

thorstein hat geschrieben: .... Ich habe auch keine Idee, welche Akteure innerhalb des Systems noch Veränderungen herbeiführen könnten. Auf die Wohlfahrtsverbände oder die Politik zu hoffen wäre naiv. Wenn es nur gelingen würde, dass sich die Bevölkerung für die Pflege genauso interessieren würde, wie z.B. aktuell für den Nichtraucherschutz in Bayern, wäre schon viel gewonnen.
Leider liegen ja auch die Lösungsansätze derjenigen, die sich für eine Verbesserung der Situation einsetzen, oft weit auseinander und führen zum Streit. ....
Ich bin der Meinung, dass wir nicht resignieren dürfen. Tatsächlich ist es so, dass sich die BürgerInnen seit Jahrzehnten für die Belange des Sozialleistungssystems erst dann wirklich interessieren, wenn sich ein Lebensrisiko (z.B. Krankheit, Pflegebedürftigkeit, Alter) realisiert. Vorher sind sie eigentlich kaum zu mobilisieren, sich für Korrekturen / Reformen einzusetzen.
Für das Pflegesystem:
Es bleibt keine andere Möglichkeit, also gegen konkret entstehende Pflegemängel mit den gegebenen Möglichkeiten anzukämpfen. Wachzurütteln.
Darüber hinaus sollte jeder mit seiner Einsicht und seinen Möglichkeiten für Reformen werben, politisch agieren. Dafür sollte zumindest geworben werden.
Alles treiben lassen, kann nicht die Alternative sein.

G.Sch.
Das Pflegesystem bedarf einer umfassenden Reform - Pflegebegriff erneuern und Finanzierung zukunftsfest machen!

thorstein
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Beitrag von thorstein » 25.07.2010, 11:51

Was heißt hier bitteschön "wir"? Tatsächlich haben wir in diesem Land eine ganze Reihe von Verbänden, Initiativen, Pflegestammtischen und Pflegekritikern - nur leider keinerlei Ansätze für eine Kooperation. Vielmehr das Gegenteil - und das scheint mir enorm systemstabilisierend zu sein.

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